Silvester auf dem Berg – ein riskantes Abenteuer

In den letzten Jahren habe ich Silvester immer in der Stadt verbracht. Essen gehen, Feiern, mit Freunden treffen. Das Übliche. Dieses Jahr hatte ich darauf keine Lust und wollte mal etwas Anderes machen. Ich habe es geschafft Silvia, meine Freundin, zu überreden, das Wochenende mit mir in den Alpen zu verbringen, um eins mit der Natur zu sein, Bergzusteigen und das neue Jahr in der Umgebung der Majstätischen Gebirgslandschaft einzuläuten. Abgesehen von Wanderstiefeln hatten wir keinerlei Ausrüstung dabei. Dieser Leichtsinn sollte sich später noch als Fehler herausstellen.

31.12.2017, 8.00 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich stehe auf, stelle den Wecker aus und lege mich wieder hin. Ich bin kein Morgenmensch. Kurz darauf weckt Silvia mich. Wir Frühstücken und packen unsere Rucksäcke, dann geht es los.

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zum Geierstein, unserem Ziel für die heutige Wanderung. Als wir durch Lengrries, eine kleine Stadt in den bayrischen Alpen, gehen blendet mich die Sonne, die von den verschneiten Bergwiesen reflektiert wird und mir fällt ein, dass ich meine Sonnenbrille vergessen habe. Ich ärgere mich über meine Dummheit und hoffe, dass das später nicht zum Problem wird. Ich ahne noch nicht, dass die Sonne unser geringstes Problem sein wird.

Etwas später sind wir am Fuß des Berges. Die Sonne wird heute schon um 16.30 Uhr untergehen. Ich bestimme deshalb unsere Umkehrzeit auf 14.30 Uhr. Um diese Zeit drehen wir um, egal wo wir sind, egal ob wir es zu Gipfel geschafft haben oder nicht. Der Wetterbericht hat für heute Nacht Unwetter angekündigt und ich lege keinen Wert darauf, nachts, im Winter, während einem Schneesturm auf einem Berg festzusitzen. Vor allem, da wir kaum Ausrüstung dabei haben. Weder Biwacksäcke, noch zusätzliche warme Kleidung. Nur unseren Proviant, eine Taschenlampe, ein Messer und einen Feuerstahl.

Dann gehen wir los. Wir überqueren auf einer kleinen Brücke einen Gebirgsbach, der die Wildnis von der Zivilisation zu trennen scheint und sind im Wald. Nach ein paar Schritten passieren wir einen kleinen See. Der See ist komplett zugefroren und von einer dünnen Schneeschicht überzogen. Er ist von hohen Nadelbäumen umgeben, hinter denen sich stolz die Alpen erheben. Die kalte Luft ist erfüllt von dem frischen Geruch von Schnee und Fichten.

Wir gehen immer tiefer in den Wald und die geräusche der Straße weichen der Stille des Waldes. Wir hören nur doch das Rauschen des Windes, das knirschen des Schnees unter unseren Stiefeln und vereinzeltes Vogelgezwitscher. Einzelne Sonnenstrahlen dringen durch das dichte Gehölz und bemalen den schneebedeckten Waldboden. Ich genieße die Ruhe, die frische Luft und den schönen Ausblick.

Der Weg wird immer steiler und die Anstrengung macht uns hungrig. Etwa zwei Stunden nach unserem Aufbruch finden wir eine schöne Stelle für unsere Mittagspause. Wir lassen uns auf einem Felsen nieder und essen unsere Pausenbrote, während wir das Tal überblicken. Die Energie werden wir später noch brauchen. Wir haben keine Ahnung, dass das die letzte Pause sein wird, die uns heute gegönnt ist.

Nach unserer Pause wird das Gelände zusehends schwieriger. Der Weg ist vereist und führt entlang eines steilen Hangs. Auf unserer rechten Seite geht es 50 bis 100 meter steil nach unten. Der Weg ist technisch nicht Anspruchsvoll, aber auf dem vereisten Boden rutscht man leicht aus und in dieser Lage kann das tödlich enden. Ich versuche diese Gedanken aus meinem Kopf zu schlagen und setze vorsichtig einen Schritt vor den Anderen. Dass dieser Weg gefährlich sein kann bestätigt sich ein paar Minuten später. Am Wegesrand steht ein Kreuz, das in Erinnerung an einen Bergsteiger aufgestellt wurde, der an dieser Stelle in den Tod gestürzt ist.

Bald wird der Pfad aber ungefährlicher und wir können uns von der Anspannung erholen. Am Wegesrand wachsen auf beiden Seiten Sträucher und junge Bäume und anstatt über Glatteis zu rutschen, stapfen wir jetzt durch knietiefen Schnee.

Eine Frau kommt uns hier entgegen. Sie ist etwa vierzig und ist komplett in Funktionskleidung in knalligen Farben gekleidet. Auf dem Rücken trägt sie einen großen Wanderrucksack.

„Ganz viel Schnee!“, keucht sie uns angestrengt zu. Wir bleiben stehen um uns mit ihr zu unterhalten. Sie erzählt uns, dass sie umgekehrt ist, weil weiter oben auf dem Berg zu viel Schnee liegt und sie kaum vorwärts gekommen ist.

„Bis hier geht der Schnee!“ sagt sie und schlägt dabei mit ihrer Handkante auf die Seite ihrer Oberschenkel, knapp unterhalb der Hüfte. Wir verabschieden uns und wandern weiter den Berg hoch.

Eigentlich hatten wir vor auf der anderen Seite des Berges nach unten zu gehen. Der Weg ist da deutlich kürzer. Ich mache mir Sorgen um unseren Zeitplan und den Sonnenuntergang, sage aber nichts. „Und Jetzt?“, fragt Silvia. Ich antworte:“Wir gehen weiter und schauen einfach wie weit wir kommen. Zur Not drehen wir um und nehmen den gleichen Weg zurück.“

Wir stapfen weiter durch den Schnee, der Zusehends tiefer wird, bis der Weg sich wieder ändert. Vor uns erhebt sich eine Steile Wand, an der man im Sommer leicht hochklettern kann. Wurzeln und Felsen bieten reichlich Griffe und Stufen. Jetzt ist die Wand von Schnee und Eis überzogen; es stehen aber immer noch genug Wurzeln und Felsvorsprünge hervor, an denen man sich festhalten kann. Hoffentlich müssen wir nich den gleichen Weg zurückgehen, denke ich während der kurzen Kletterpartie. Bergab klettern ist immer schwieriger als bergauf.

Als wir kurz innehalten um Luft zu schnappen, springt nur wenige Meter vor uns ein Steinbock über den Weg. Es sind Momente wie diese, wegen denen ich das Wandern so liebe. Momente in denen man für alle Anstrengungen belohnt wird. Momente in denen man die Schönheit der Natur bezeugen kann und sich eins mit seiner Umwelt fühlt.

Während wir dem Gipfel immer näher kommen, wechseln sich verschneite Waldwege und vereiste Pfade am Hang mit kurzen Kletterpassagen. Die Stiefelabdrücke der Frau, die uns vorhin entgegengekommen ist, die bis jetzt immer im Schnee sichtbar waren, begleiten uns jetzt nicht mehr. Fast haben wir es geschafft. Wir verlassen den Wald und sehen zum ersten mal den Gipfel.

Zwischen uns und unserem Ziel liegt nur noch ein steiler Hang, der unter einen dicken Schneedecke liegt. Wir sind jetzt zu nah um umzukehren und ich mache einen großen Schritt in den Tiefschnee. Der Schnee ächzt unter meinem Gewicht, gibt aber nur leicht nach. Soweit so Gut. Mit wachsendem Selbstbewusstsein mache ich einen Schritt nach dem andereren. Immer wieder hält der Schnee meinem Gewicht nicht mehr stand und ich stecke bis zu Hüfte im Schnee. Ich grabe meine Hände in den Schnee und ziehe mich nach oben. Wir kommen nur langsam vorwärts. Silvia hat mit der Anstrengung zu kämpfen. Genau wie ich steckt auch sie immer wieder im Schnee fest und kann sich kaum selber befreien. Ich lege meine Hände auf ihren Hintern und schiebe sie nach oben.

Auch ich spüre die Anstrengung und höre meinen Herzschlag, laut und schnell. Überaschenderweise fühle ich mich aber noch erstaunlich fit. Endlich zahlt sich das ganze training mal aus. Vielleicht ist es aber auch nur das Adrenalin.

Mit Händen und Füßen ziehen wir uns den Hang hoch und auf einmal sind wir auf dem Gipfel. Der Ausblick ist Atemberaubend. Im Westen sehen wir Lenggries, die kleine Stadt, in der unser Abenteuer heute losging, idyllisch eingebettet zwischen den Bergen. Im Norden ertreckt sich flaches Land bis zum Horizont, wo man die bayrische Landeshauptstadt, München erahnen kann. Im Osten funkelt der Tegernsee zwischen den Gipfeln der umliegenden Berge hervor. Und im Süden erheben sich anmutig die hohen Berge des Karwendelgebirges hinter den kleineren Bergen der bayrischen Voralpen, wie die großen Kinder die auf Klassenfotos immer hinter Anderen stehen mussten.

Ich schaue auf meine Armbanduhr und sehe, dass unsere Umkehrzeit seit 5 Minuten überschritten ist. Es ist 14.35 Uhr. Das liegt zwar noch im Rahmen, wir können uns aber keine längere Pause genehmigen, wenn wir vor Sonnenuntergang wieder im Tal sein wollen. Vorsichtig schreiten wir über den schmalen Grat, der auf der anderen Seite des Berges wieder nach unten führt. Hier liegt wieder tiefer Schnee und bei fast jedem Schritt versinken wir Hüfttief in der Schneedecke. Auf beiden Seiten des Weges liegt ein tiefer, steiler Abgrund. Das ist mir zu gefährlich. Ich entscheide, dass wir umkehren und den gleichen Weg zurücknehmen, auf dem wir auch gekommen sind.

„Ich habe Angst.“, gesteht Silvia mir. Ich lasse mir nichts anmerken, um sie nicht noch mehr zu verunsichern, aber auch ich mache mir Sorgen. Der Weg nach oben war kein Kinderspiel und teilweise auch nicht ungefährlich. Jetzt müssen wir den gleichen Weg bergab gehen, für den wir vorhin drei Stunden gebraucht haben und wir haben weniger als zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang.

Ich werfe noch einen letzten Blick auf das Panorama, dann gehe ich vor und beginne den Abstieg. Knapp unter dem Gipfel breche ich durch die Schneedecke und falle mit meinem Knie auf einen kantigen Felsen, der unter dem Schnee verborgen lag. Ein pochender Schmerz durchfährt mein Bein. Ich befreie mein Bein aus dem Schnee und gehe weiter. Bei jedem Schritt schmerzt mein Knie. Nach ein paar Schritten wird es aber wieder erträglich.

Vorsichtig steige ich den steilen, verschneiten Hang hinab, aber ich komme nur langsam voran. Zu langsam. Ich setze mich in den Schnee und rutsche den Hang runter. So komme ich schon deutlich schneller voran. Ich muss aber gut aufpassen, dass ich nicht die Kontrolle verliere, zuweit rutsche und am Ende des Hanges in den Abgrund stürze. Als ich unten angekommnen bin tut Silvia es mir gleich. Ich trete meine Stiefel in den Schnee um stabiler zu stehen und warte unten, um sie aufzufangen.

Der Schnee, der sich beim Auftieg durch den Tiefschnee in unseren Stiefeln gesammelt hat, ist inzwischen geschmolzen. Unsere Schuhe, Socken und Hosen sind komplett durchnässt. Ich wünschte wir hätten wasserfeste Hosen und Gamaschen mitgebracht. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wir müssen weiter. Immer wieder sage ich zu Silvia, dass wir noch genug Zeit haben und es locker rechtzeitig ins Tal schaffen. Ich bin davon selber nicht überzeugt, aber ich schaffe es ihr die Angst zu nehmen.

Der tiefe Schnee, der uns beim Aufstieg so viele Schwierigkeiten bereitet hat, hilft uns jetzt beim Abstieg. Immer wieder können wir kleine Hänge hinunterrutschen und an den steilen Hängen gibt er uns mehr Trittsicherheit als das Glatteis und die Felsen, die aus dem Schnee hervorstechen. Wir rutschen über verschneite Hänge, marschieren schnell über die gut begehbaren Waldwege, balancieren besonders vorsichtig über die vereisten Pfade und kommen dem Tal schneller näher als gedacht. Aber wir haben immer noch ein gutes Stück vor uns. Die Sonne, die blassgelb zwischen den Fichten hervorleuchtet, steht inzwischen nur noch knapp über den Gipfeln der benachbarten Berge. Ich schaue auf meine Armbanduhr. Es ist 16.00 Uhr. 30 Minuten bis zum Sonnenuntergang.

Wir kommen wieder an dem Kreuz vorbei, das mir schon auf dem Weg nach oben aufgefallen war. Ich schaue in Richtung Sonne, aber sie ist nicht mehr zu sehen. Der Himmel über den Bergen erstrahlt jetzt intensiv in gelb, orange und rot. Das Tal ist in einen schleier aus weichem, gold fabenen Licht gehüllt. Es ist ein prächtiger Anblick, aber meine Gedanken sind nur bei der nahenden Dunkelheit und ich beschleunige meinen Schritt. Silvia folgt mir.

Meine Stiefel sind immer noch durchnässt und meine Füße frieren. Schnell marschieren wir weiter. Etwas später erkenne ich am Wegesrand den Platz, an dem wir vorhin unsere Mittagspause gemacht haben. Die Sonne ist inzwischen untergegangen, aber es ist immer noch hell genug um sich im Wald zurechtzufinden. Wir beeilen uns.

Es wird immer dunkler und ich ziehe meine Taschenlampe aus der Brusttasche meiner Jacke. Ich drücke den An-Knopf und ein weißer Lichtkegel erhellt den Waldweg vor meinen Füßen. Ich leuchte in den Wald und der Schnee und die Bäume leuchten mir weiß, braun und grün entgegen. Alles was sich nicht im Lichtkegel befindet ist in den dunklen grau-blauen Schatten der Nacht getaucht und kaum erkennbar.

Wir gehen jetzt etwas langsamer und vorsichtiger weiter, aber es dauert nicht lange bis Silvia den kleinen See erkennt, der weiß zwischen den Schwarzen Bäumen hervorschimmert. Nur noch wenige schritte und wir überqueren wieder den kleinen Gebirgsbach. Wir haben es geschafft. Erleichtert aber zügig gehen wir durch Lenggries. Wir haben Hunger, sind müde und haben es eilig unsere nasse, kalte Kleidung loszuwerden. Der Weg ist jetzt mit Straßenlaternen beleuchtet und eine halbe Stunde später sind wir zuhause.

Ich dusche mich heiß ab, wickle mich in eine warme Wolldecke und lasse mich auf die Couch fallen. Wir erholen uns kurz und machen dann Abendessen. Danach schauen wir noch einen Film und schlafen vor Erschöpfung ein.

Mitten in der Nacht werde ich von dem lautem knallen, des Silvester Feuerwerks, das in ganz Lenggries stattfindet, geweckt. Ich schaue auf meine Armbanduhr. Es ist 00.01 Uhr. Silvia ist auch wachgeworden. Ich flüstere ihr müde zu: „Frohes neues Jahr!“ und gebe ihr einen Kuss. „Frohes neues Jahr!“ erwiedert sie. Ich freue mich, dass wir Sivester dieses Jahr nicht in der Stadt verbracht haben und schlafe sofort wieder ein.

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